Montag, 16. April 2012

Titanic - wer spürt die Toten?

15.4.2012
Was kann ich machen? "Titanic" soll ins Netz, aber der große Fisch bewegt sich nicht. Bleierne Trägheit.
Was soll der ganze Medien-Lärm um die Titanic, wo es um die Stille geht? Wer hat Platz in der Stille seines Bewusstseins für die eineinhalb Tausend  Toten des 15. 4.1912?
Wer hat Platz für die Titanen?


15.4.1912, UTC 3:07/23:40 (14.4.)  OZ,
Titanic Kollision mit Eisberg



Schon in frühen astrologischen Tagen fragte ich mich, was wohl Eis astrologisch sei. Mein Gedanke war: es gehört zum Wasser-Element, aber es fließt nicht sondern ist kristallin. Also nicht Quelle oder Fluß = Krebs und nicht grenzenlos = Fische. Also blieb nur von den drei Wasserzeichen am Himmel Skorpion. Und da Eis in den Höhen der Berge und der Pole längst Vergangenes aufbewahrt, den Schnee vergangener Jahrhunderte und Jahrtausende, und als Gletscher-Kälber erneut in den aktuellen Wasser -Kreislauf schickt, war die Analogie mit dem Element der Toten, als Anwesenheit der Vergangenen, naheliegend. Die Analogie des Skorpions mit dem Tod ist uralt in der Astrologie.
Hier nun im Horoskop der Titanic-Katastrophe, grad-exakt der Pluto, als Herr des Skorpions, am Punkt der Begegnung gegenüber dem Aszendenten. Und in Resonanz, im genauen  90-Grad-Quadrat, Mond, das Lebende. Diese schauerlich anschauliche Exaktheit lässt nichts zu wünschen übrig.
Noch einmal die Frage, wer hat Platz für die Titanen? Wer Wikipedia anklickt, der gewinnt nur Kenntnisse, keinen Sinn. Warum hat der Mensch, als griechischer Mensch, in Traum, Sage und Mythos vor den olympischen Göttern als ältere Generation der  Götter die Titanen „gesehen“? Was hat er da gesehen?
Hesiod, ( um 700 v. Chr.) der boötische Bauernsohn und Dichter der Weltentstehung,  Theogonie,  erzählt:
"Die (anderen) aber nannte der Vater mit dem Namen Titanen, der große Uranos, die Söhne, die er selbst erzeugt hatte, tadelnd.
Er sagte, sie hätten, frevelhaft sich danach streckend (gr. titainontes),
eine (zu) große Tat
getan. Die Rache dafür werde dann später folgen."
Hesiod, Theogonie, Hrg. Karl Albert, St. Augustin 1983 S. 61.
 Es gibt ein wunderbares Buch: Friedrich Georg Jünger, „Griechische Mythen“, das vom Allerwelts-Zeitgeist-Wiki nicht einmal erwähnt wird. Hier ein paar  Proben:
„Von Anfang an zieht titanische Wesen in den Menschen hinein und vermischt sich mit ihm. Der Mensch ist kein Titan, aber er ähnelt den Titanen in manchem mehr als den Göttern, als Werdender und der Wiederkehr des Werdens Verhafteter, durch die Rastlosigkeit seines Wollens und Strebens, in den nie endenden Plänen, die er schmiedet, auch in seiner Verkettung an schwere Arbeit, Notstände und Armut. Auf eine geringere, schwächere Art beschäftigt ihn das, was die Titanen selbst umtreibt. Diese Verwandtschaft des Strebens ist den Titanen wohl bewusst; sie blicken nicht unfreundlich auf den Menschen, sind nicht ohne Wohlwollen für ihn. In dem Prometheus ist das titanische Wohlwollen für den Menschen leidenschaftlich tätig und stark. Die Titanen nähern sich dem Menschen in dem Verhältnis, in dem die Götter sich von ihm entfernen und sich ihm entfremden. In eine entgötterte Welt muss das Titanische in seiner alten Kraft wieder einziehen. Das ist der Kern der Drohung, welche Prometheus für den Zeus bereithält. Der Mensch aber, der sich dem Titanischen wieder zuneigt, ist bedroht, denn offenbar ist, dass die Götter das Titanische am Menschen nicht lieben. An solchen tritt die Ananke deutlicher hervor, und Nemesis und Dike, Moiren und Keren folgen ihnen wachsamer. Neigt der Mensch dem Titanischen zu, dann wendet er sich von Zeus und Apollon ab und auch von Dionysos und Pan, die den Titanen nicht freundlich gesinnt sind. Er tritt in ein Reich anderer Gesetzlichkeit ein. Er wird in den Kampf des Titanischen verflochten, und nun ist er überall, von allen Seiten mit Untergang bedroht. Wenn er stürzt, wiederholt sich jener Sturz, durch den die Macht der Titanen vernichtet wurde.“
Friedrich Georg Jünger, Griechische Mythen,1994, S. 58 f.

"Die  Titanen sind die Meister der elementaren Kräfte und Erscheinungen, doch ist ihnen nicht gegeben, sich deren Wirken frei gegenüber zu stellen. Sie folgen immer auch dem Zug dieser Kräfte und machen ihn sichtbar, ohne sich von ihnen ablösen zu können. Sie sind Söhne der Gaia, von der sie nicht frei kommen. Das Großgeartete an ihnen hebt sich nicht von dem Grund ab, dem sie entstammen. Hinter ihnen ist Dunkel, und wenn sie ins Licht treten, ist es, als ob sie unmittelbar aus der Nacht kämen. Selbst an dem leuchtenden Helios ist das unverkennbar. Das riesenhaft Erhabene, das ihnen als den ersten Kindern anhaftet, hat die Erhabenheit der Natur und gleicht dem Gewitter, dem Meeresleuchten,  oder der Sturmnacht. Notwendigkeit und auch die Zügel- und Fessellosigkeit des Elements ist in ihnen, die nur von einem anderen Element in Schranken gehalten werden kann. Indem hier jeder bis zum Äußersten geht, ohne zu fragen, wie weit dieses Äußerste reicht und wo es aufgefangen wird, stoßen sie hart zusammen. Druck und Stoß ist in ihren Bewegungen, und so halten sie den elementaren Bau aufrecht, der sich in ihnen zugleich darstellt."
Ebd. S. 35

„Das Gigantische ist für den sterblichen Menschen nicht nur eine Bedrohung, es ist auch eine Versuchung über das Maß hinaus. Es ist ein Pochen auf riesenhafte Kräfte, ein Streben ins Kolossale, ein Bündnis mit dem Ungeschlachten. Immer wieder erliegt der Mensch dieser Versuchung; er wendet seine Kräfte auf Unternehmungen, denen er nicht gewachsen ist.“
Ebd. S. 75.

„Es ist das Übermaß des Willens, durch das der Mensch in das titanische Wesen verflochten wird. Innerhalb des titanischen Werdens ist ein machvoller Wille tätig. Der Mensch, der durch Nachahmung diesen Willen abzubilden versucht, geht über sein Maß hinaus; es geschieht ihm, dass er ein Unerreichbares zu verwirklichen sucht und der Anstrengung erliegt. Die Götter strafen ihn so, dass er für immer an diese Anstrengung gebunden bleibt …"
Ebd. S. 115
" Der Mensch, der kein Maß hat, behält etwas Unfertiges. Es haftet ihm an, weil das Wollen den ihm zugeordneten Bereich des Erreichbaren überschreitet. Solche Menschen scheinen, wenn sie ihren Anlauf nehmen, am stärksten und ganz unüberwindlich zu sein. Dann aber verfehlen sie das Ziel und stürzen ins Leere; sie fallen in die unterirdischen Räume hinab …"
Ebd. S. 116

"Titanisch ist der Mensch, der sich ganz  auf sich selbst verlässt und ein schrankenloses Zutrauen in seine eigenen Kräfte setzt; dieses Zutrauen löst ihn ab und isoliert ihn auf prometheische Weise. Das Streben des Menschen nach schrankenloser Freiheit und Unabhängigkeit ist titanisch, und wo es durchdringt, dort erscheint auch sein Regulativ, die mechanisch arbeitende Notwendigkeit, die als Korrektur eines solchen Strebens hervortreten muss […"] Durch Willen, Verstand und Empfindung nähert sich der Mensch dem Titanischen. Er neigt dazu, im Übermaß des Willens die Signatur der Größe zu sehen …"
Ebd. S. 117
Mit anderen, meinen Worten: der Mensch, der es mit den Titanen ernst meint, der nicht nur blind ihren Namen ausleiht,  der stellt sich den Titanen, stellt sich nicht nur einfach dem Gesetz der Natur entgegen … in der lächerlichen Kostümierung als ein „wir – sind - unsinkbar“, der wirklich titanische Mensch, der Naturwissenschaftler, pflegt den Respekt vor den Mächten und  Gesetzlichkeiten, die er erforscht, zu bewahren,  ob nun im Raumflug, im Bereich  der schwimmenden Dinge oder im Bereich des aller kleinsten Aufwands.  Dieser Respekt ist in der griechischen Mythe verkörpert durch den weisen Erfinder Daedalus;  sein Sohn Ikaros hingegen verkörpert die Verkennung der Kräfte, mit denen er sich eingelassen hat und zahlt im Absturz mit seinem Leben.
Diese Dinge ins innere Auge zu fassen gibt der 15.April jeden Jahres Anlass. Ob dabei die Blätter der Zeitungen rauschen oder die Schirme blitzen, ist Wurscht, nur die ernsten titanischen Menschen, oder der titanische Ernst im Menschen, sind angesprochen. Das ist kein Thema der Unterhaltung.
Wenn also die "Titanic" am 14.4.1912 mit einem Eisberg zusammen rauscht,  dann sollten die Menschen wissen, dass das so titanisch normal ist, wie eine Lawine, ein Tornado oder ein Tsunami. Ein schwimmender Eisberg ist eben selber, was sonst,  ein titanisches Wesen. Wenn derlei Wesen bei den Gestalten der griechischen Mythe nicht vorkommt, so gilt dafür, was Jünger so fasst:
"Hesiod sagt, dass kein Sterblicher alle Kinder der Thetys (die Schwester und Gemahlin des Okeanos)  mit Namen benennen könne; der Mensch kennt nur die, die im Umkreis seiner eignen Heimat beheimatet sind." Ebd. S. 35
Und die griechischen Bewohner der Küsten des Mittelmeeres haben nie die titanischen Wesen gesehen, die sich nahe der Ostküste Nord-Amerikas im Nord-Atlantik herumtreiben.
Die Wesen der titanischen, also der natürlichen Welt, haben schon Jahrmilliarden sich mit anderen titanischen Wesen gestoßen, denn das ist die einzige Weise, in der die titanischen, d.h. die elementaren Wesen, einander begrenzen: jeder kennt nur sich und begehrt allein, sich durchzusetzen. Der Modus der Begegnung ist folglich: die Katastrophe.
Das sollte man wissen, wenn  man ein künstliches Ding auf einen titanischem Namen tauft.
Gespeichert 16.4.2012, UTC 0:58, gepostet: UTC 1:07

Kommentare:

  1. Wiedermal sehr sehr lesenswert, danke dafür!

    Das in diesem wunderschönen grauen,festen Papier eingebundene Buch las ich erstmals vor 15 Jahren und je älter ich werde, je stärker spüre ich den lebendigen Bezug der allzeit gültigen Gesetze griechischer Mythen in der eigenen Biographie.
    Und stelle erstaunt fest, dass ich regelrecht hören kann, dass von dort Urahnen ins Heute sprechen.

    Lieben Gruß, Ulla

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  2. ..allein schon durch die
    ausgesucht-eingebundenen Zitaten-Schätze
    eine Bereicherung !!


    Beste Grüße
    Mythopoet

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  3. Danke für den topaktuellen Bezug. Fragte mich zuvor beim Hören in den ÖR-Medien, wozu das gut sein soll, nach Hundert Jahren an ein Schiffsunglück zu erinnern. Es erschloss sich mir nicht. Sehr interessant, diese Titanen. Und auch das Sternengebilde - da sehe sogar ich als noch immer leicht ungläubiger Laie was sehr Erstaunliches, was mich gestern leicht ehrfürchtig zurückließ beim Lesen. Sati

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  4. Liebe Ulla, lieber Mythopoet, liebe Sati,

    mich freut Eure Resonanz sehr, mal abgesehen vom persönlichen Trost, weil sie die überlebenswichtige Empfänglichkeit bezeugt, die in zunehmenden Maße uns wieder mit den fernen Ahnen verbinden könnte.
    So auch gestern die Eröffnung von "Die Weltältesten" im Fürstensaal der Bayerischen Staatsbibliothek. http://www.bsb-muenchen.de/Einzeldarstellung.403+M59dba07cda9.0.html

    Die Worte der Künstlerin heute in der Münchner AZ:

    "Wir haben den einstigen Garten Eden, den wir als Wildnis verkannten, verkommen lassen. Mit ihm sind unsere Kulturen auf den Mülldeponien dieser Welt gelandet. Uns besinnend auf das Wissen unserer Ahnen, den Weltenältesten, treten wir aus unserer Wirklichkeit des Alltags in die Mystik von Gegenwelten und sehen dem Aufbruch an diesem Ort hier zu, wo einer der Schätze der Menschheit als verschlungenes Wissen verborgen liegt. Dieser Aufbruch ist eine Provokation für einen neuen Dialog der Künstler und Denker in diesem Land, den ich für wichtig halte wieder aufzunehmen und neu zu initiieren.
    Und ich als Mensch werde da sein und mich zurückerinnern – sehnsüchtig und groß – wie ein Sandkorn in der Sahara...."

    Also weiter so, im neuen "Dialog der Künstler und Denker"... Danke für Eure Kommentare.

    Mundanomaniac

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